MVV-Interview mit Landesbischof Meister
1. Dezember 2011
Äußerungen von Landesbischof Ralf Meister zum „Schlüsselberuf Pastor“ auf dem Generalkonvent des Sprengels Osnabrück in Melle haben in der Mitarbeiterschaft der Landeskirche für große Unruhe gesorgt. So sollte laut Meister nicht weiter bei den Pastorenstellen gekürzt werden. Ob das dann zu Lasten von Diakonen oder anderen Berufsgruppen gehen soll, und ob die Sparbeschlüsse der Synode nach dem Aktenstück 98 (10% bei Pastoren, 15% bei Diakonen) nicht mehr gelten, waren plötzlich wieder offene Fragen.
Wir wollten es genau wissen und haben den Bischof gefragt. Mehr:
Herr Landesbischof, zurzeit schrumpft die Kirche. Der Stern: „Warum so viele Menschen gläubig sind, sich aber von den Kirchen abwenden“
Wodurch könnten Pastoren und kirchliche Mitarbeiter wieder Menschen begeistern?
Landesbischof Meister: Solche Überschriften vermitteln ein völlig unscharfes Bild. Ich lege Wert darauf, in der sensiblen Frage der Kirchenaustritte genau auf die Details und die Entwicklungen zu achten, die sich abzeichnen. „Die Kirche schrumpft“ sagen Sie. Demgegenüber steht zum Beispiel die Entwicklung aus dem Kirchenkreis Leine-Solling. Dort ist im vergangenen Jahr die Zahl der Kirchenaustritte um 15 Prozent gesunken. Und das ist nur ein mögliches Beispiel von vielen. Landeskirchenweit hat die Zahl der Austritte von 2009 auf 2010 um rund zweieinhalb Prozent abgenommen. Somit kann ich allen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden in den Gemeinden und Einrichtungen nur danken für die gute und beständige Arbeit, die vor Ort geleistet wird.
Ein viel größeres Problem, mit dem wir umgehen lernen müssen, ist der demografische Wandel, der vielen Kirchenkreisen und Gemeinden zu schaffen macht. Auch dazu noch einmal die Zahlen aus dem Kirchenkreis Leine-Solling: rund 1000 Mitglieder wurden pro Jahr kirchliche beerdigt, dagegen aber nur 470 Kinder getauft.
Herr Meister, Sie räumen ein, dass die Kirchen aus demografischen Gründen und wegen der anhaltenden Austritte, trotz aller Anstrengungen in Zukunft eher kleiner gedacht werden müsse. Die Synode der hannoverschen Landeskirche hat mit dem Aktenstück 98 auch einen Plan für einen „geordneten Sinkflug“ beschlossen. Darin ist auch festgelegt, dass auch die Pastorenschaft Kürzungen, wenn auch nur unterproportional hinnehmen müsse. Ihre freudige Botschaft an die Pastorenschaft, die aber andere Mitarbeitergruppen stark verunsichert, geht in die Richtung, dass es keine weiteren Reduzierungen der Pastorenstellen mehr geben solle. Insbesondere die Diakone fühlen sich wenig wertgeschätzt. Können Sie die entstandene Aufregung verstehen?
Landesbischof Meister: Ich bin nicht der Meinung, dass kleiner gedacht werden muss, sondern wir müssen den Mut haben, neu zu denken. Das betrifft sowohl die Evangelische Kirche in Niedersachsen wie auch Themen wie Mission, Personalplanung usw., es geht um unser theologisches Verständnis von Kirche.
Zur Frage der Wertschätzung der unterschiedlichen Berufsgruppen: In einigen Generalkonventen hatte ich mich im Rahmen eines Vortrags zu der Stellung des Pastorenberufes geäußert und betont, dass dieser Beruf – wie in der Kirche der Freiheit formuliert – ein Schlüsselberuf der Kirche (6. Leuchtfeuer) sei und auf gewisse Zeit sicher auch bleiben werde. Damit habe ich nichts Neues gesagt. Und ich hatte ergänzt: Ich wünsche mir, dass es keine weiteren Reduktionen der Pfarrstellen geben wird. Daran knüpfte sich schnell eine scharfe Reaktion, weil dieser Satz zitiert wurde mit dem Hinweis, den ich nicht formuliert habe, dass es besonders bei Diakonen und Diakoninnen zu schmerzhaften Einschnitten kommen könnte.
(Anmerkung der Redaktion: Der zitierte Hinweis stammt tatsächlich vom Geistlichen Vizepräsidenten des Landeskirchenamtes Arend de Vries, der Wert darauf legt, dies im Konjunktiv gesagt zu haben. Sein Hinweis sei in dem Sinne gemeint gewesen, dass für den Fall, dass keine Kürzungen bei den Pastorenstellen mehr wie geplant vorgenommen würden, der Einsparungsdruck auf die Berufsgruppen der Diakone und Kirchenmusiker zunehmen würde. Dafür würde er aber keineswegs eintreten).
Zur Erklärung: Dieser Wunsch, keine weiteren Pfarrstellen zu streichen, ist entstanden aus einer Sorge. Einer Sorge, die ich zahlreich in den Besuchen in den Kirchenkreisen gehört habe. Wie wird die pastorale Versorgung, wie wird die Verkündigung in Wort und Sakrament, wie die kontinuierliche seelsorgerliche Begleitung, wie der pastorale Bildungsauftrag in Zukunft aussehen. „Lassen Sie uns den Pastor!“ Wie oft habe ich diese Aufforderung schon gehört. Hierauf gründete der Wunsch. Dieser Wunsch ist keine Intervention in die aktuelle Diskussion um Grundstandards und Stellenpläne. Er ist keine aktuelle Intervention in das Aktenstück 98. Im jetzigen Planungszeitraum wird sich nichts ändern. Es wird eine Vielfalt an hauptamtlichen Berufsgruppen auch in Zukunft in der Kirche geben. Aber darin wird auch weiterhin der Schlüsselberuf des Pastors, der Pastorin eine entscheidende Aufgabe für die geistliche Begleitung der Gemeinden und die Gestaltung der Kirche behalten. Für eine langfristige Planung, ich rede über die Zukunft unserer Kirche in den nächsten 20 Jahren, braucht es weitere Initiativen für die Situation ALLER Menschen im Verkündigungsdienst. Diese Diskussion werden wir, für die Zukunft unserer Kirche, rechtzeitig vor der nächsten Planungsphase, weiter führen müssen.
Herr Landesbischof, welchen Stellenwert hat für Sie die kirchlich-diakonische Arbeit? Werden Sie sich in Gesprächen mit der Landesregierung für auskömmliche Pflegesätze für die Diakoniesozialstationen einsetzen, damit die Mitarbeiter dort für ihre aufopfernde Arbeit wieder den vollen Tariflohn erhalten können?
Landesbischof Meister: Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass die Mitarbeitenden in den Diakoniesozialstationen angemessen bezahlt werden. Genauso wichtig ist aber auch, wie sich die Arbeitsbedingungen in der Pflege gestalten. Im Rahmen des Pflegepaktes mit dem Land Niedersachsen ist die Diakonie sehr engagiert, die Rahmenbedingungen für die Pflegeberufe zu verbessern. Dieser Weg braucht einen langen Atem, er muss aber im Sinne der Mitarbeitenden gegangen werden. Damit keine Missverständnisse entstehen: Für die Diakoniestationen unserer Kirche wird grundsätzlich Tarif angewandt – und auch Notlagenregelungen entsprechen dem Tarif. Aber gerade diese Regelungen zeigen: Im Bereich der ambulanten Pflege herrscht ein harter Wettbewerb. Ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, auch dem Rücken der Mitarbeitenden und zu Lasten der Betroffenen einen ruinösen Preiswettbewerb zu führen. Politisch aber ist das gegenwärtig so gewollt. Ansprechpartner dafür ist jedoch weniger das Land als der Bund. Die Reform der Pflegeversicherung aber stockt – leider. Der Pflegepakt in Niedersachsen hat hier Gespräche zwischen den Beteiligten initiiert – diese müssen weiter geführt werden.
Herr Meister, unsere größte Beschäftigtengruppe sind die Kita-Beschäftigten. Welche Bedeutung messen Sie der Arbeit in unseren evanglisch-lutherischen Kindertagesstatten bei?
Landesbischof Meister: Ich bin sehr froh über unsere 614 Kindertagesstätten mit etwa 46500 Plätzen. Evangelische Kindertagesstätten sind ein wichtiger Teil der Gemeindearbeit. Mit einer Kindertagesstätte kommt die Kirchengemeinde ihrem diakonischen Auftrag nach, indem sie ausreichende und bedarfsgerechte Angebote schafft, sie kommt ihrem Bildungsauftrag nach, indem sie schon bei den Kleinsten Teilhabegerechtigkeit praktiziert, und sie kommt durch eine engagierte religionspädagogische Begleitung ihrem Verkündigungsauftrag nach. Die Mitarbeitenden leisten hier Großartiges. Die evangelischen Kindertagesstätten sind ein Schatz in jedem Gemeindekonzept; die Landeskirche unterstützt daher diese Arbeit mit erheblichen Mitteln.
Wir danken für dieses Interview, Werner Massow MVV-Vorsitzender
